Das Projekt Gedankenblitz (behördliche Kurzbezeichnung: AHFV-58 für Automatisches Hochgeschwindigkeits-Fernschreib-Vermittlungssystem 1958) war ein streng vertrauliches Forschungsvorhaben der Post-Zentralstelle (Posttechnisches Zentralamt) der Deutschen Bundespost aus dem Jahr 1958. Ziel des Projekts war die Entwicklung eines vollautomatisierten, auf Röhrentechnologie basierenden Netzwerks zur nahezu verzögerungsfreien Übermittlung von Telegrammen und Fernschreiben innerhalb der Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund enormer technischer Komplexität, hoher Betriebskosten und der raschen Entwicklung der Halbleitertechnik wurde das Projekt 1961 vorzeitig eingestellt, bildete jedoch eine wesentliche Grundlage für spätere elektronische Wählsysteme.
Hintergrund und Entstehung
Im Kontext des beginnenden Kalten Krieges und des exponentiell wachsenden Kommunikationsbedarfs der westdeutschen Wirtschaft forderte das Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen eine grundlegende Modernisierung der bestehenden Telegrafennetze. Die manuelle Vermittlung in den Postämtern galt als ineffizient und fehleranfällig. Die Post-Zentralstelle (PTZ) in Darmstadt initiierte daraufhin im Frühjahr 1958 das Projekt Gedankenblitz. Der metaphorische Deckname bezog sich auf die anvisierte Übertragungsgeschwindigkeit, die den manuellen Vermittlungsaufwand durch eine elektronische Impulssteuerung vollständig ersetzen sollte. Unter der Leitung des Fernmeldetechnikers Dr. Heinrich von Kettler und des Chefingenieurs Dipl.-Ing. Werner Osthus wurde ein interdisziplinäres Team von 45 Spezialisten beauftragt, einen ersten Prototyp zu konstruieren.
Technische Charakteristika
Das Herzstück der Anlage bildete der sogenannte Blitz-Verteiler, ein auf Elektronenröhren basierender Zentralrechner von erheblichem Ausmaß. Dieser nutzte frühe Formen des Magnetkernspeichers zur temporären Zwischenspeicherung von Fernschreibsignalen, was das Prinzip der Paketvermittlung in Grundzügen vorwegnahm. Eine bemerkenswerte Innovation des Projekts war die asynchrone Datenübertragung, die theoretische Übertragungsraten von bis zu 400 Baud ermöglichte - ein Vielfaches der damaligen Standardgeschwindigkeit mechanischer Fernschreiber. Die Anlage erforderte jedoch eine massive infrastrukturelle Anpassung: Da die über 8.000 Röhren des Hauptverteilers enorme Abwärme produzierten, musste ein eigenes Kühlsystem auf Basis von flüssigem Stickstoff entworfen werden, was die Betriebskosten drastisch in die Höhe trieb.
Testphase und Kontroverse
Zwischen November 1959 und März 1960 wurde eine streng abgeschirmte, experimentelle Teststrecke zwischen dem Posttechnischen Zentralamt in Darmstadt und dem Hauptpostamt in Frankfurt am Main betrieben. Obwohl die Übertragungsraten in den ersten Testwochen die theoretischen Modelle weitgehend bestätigten, kam es im Dauerbetrieb vermehrt zu thermischen Überlastungen und asynchronen Taktfehlern. Darüber hinaus äußerte der Bundesnachrichtendienst (BND) erhebliche Bedenken bezüglich der Abhörsicherheit der ungeschirmten Relais. Diese Bedenken führten zu einer temporären Unterbrechung der Testläufe im Sommer 1960 und lösten eine behördeninterne Kontroverse über die strategische Sinnhaftigkeit und die weitere Finanzierung des Systems aus.
Einstellung und Erbe
Angesichts der rasanten Entwicklung der Transistortechnologie, die wesentlich kleinere, energieeffizientere und weniger fehleranfällige Systeme ermöglichte, verlor das röhrenbasierte AHFV-58 zunehmend an Relevanz. Das Projekt Gedankenblitz wurde im Oktober 1961 auf Beschluss des Postministeriums formell eingestellt. Die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse im Bereich der asynchronen Signalverarbeitung und der Pufferung von Datenpaketen flossen jedoch direkt in die Konzeption der späteren elektronischen Wählsysteme (EWSO) der Bundespost ein. Die verbliebenen Prototypen wurden 1962 größtenteils demontiert. Einige wenige Röhrenbaugruppen und Konstruktionspläne sind heute im Museum für Kommunikation Frankfurt als Zeugnisse der frühen westdeutschen Telekommunikationsgeschichte ausgestellt.
References
- Geschichte der Fernmeldetechnik in der Bundesrepublik Deutschland, Band 2
- Das Posttechnische Zentralamt: Innovationen und Fehlschläge 1950-1970