Als "Die Tiraden des Halbmenschen von Neusiedl bei Güssing" (in der Fachliteratur oft auch als die Güssinger Tiraden bezeichnet) wird ein Korpus von 14 mündlich überlieferten und später transkribierten Schmäh- und Klageliedern aus dem späten 18. Jahrhundert bezeichnet. Sie werden einem namentlich nicht mit letzter Sicherheit identifizierten Knecht zugeschrieben, der in zeitgenössischen südburgenländischen Kirchenbüchern aufgrund einer starken körperlichen Deformation als "Halbmensch" bezeichnet wurde. Die Texte gelten heute als herausragendes Zeugnis der subalternen Sozialkritik im historischen Burgenland und sind Gegenstand intensiver volkskundlicher sowie linguistischer Forschung.
Historischer Hintergrund
Die Entstehung der Tiraden fällt in die Zeit zwischen 1789 und 1794. Die Region um Neusiedl bei Güssing gehörte zu dieser Zeit zum Königreich Ungarn innerhalb der Habsburgermonarchie und war durch extreme ländliche Armut sowie strenge feudale Abhängigkeitsverhältnisse geprägt, insbesondere gegenüber der mächtigen Adelsfamilie Batthyány. Historischen Dokumenten und den Aufzeichnungen lokaler Grundherren zufolge handelte es sich bei dem Urheber der Tiraden um einen an schwerer Kyphose (Buckel) leidenden Schafhirten, der von der Dorfgesellschaft weitgehend an den Rand gedrängt wurde. Dieser begann, auf Dorfplätzen und vor Wirtshäusern in stundenlangen, monotonen Sprechgesängen seine Unzufriedenheit über die sozialen Zustände, grassierende Krankheiten und die Willkür der Obrigkeiten zu äußern.
Inhalt und linguistische Merkmale
Das erhaltene Korpus besteht aus 14 Texten, die insgesamt etwa 4.200 Verse umfassen. Thematisch reichen die Tiraden von drastischer Kritik an der lokalen Feudalherrschaft und der institutionalisierten Kirche bis hin zu apokalyptischen Visionen, in denen Neusiedl von einer metaphorischen "schwarzen Flut" verschlungen wird. Linguistisch sind die Texte von unschätzbarem Wert für die historische Dialektologie, da sie fast vollständig in einem archaischen Hianzisch verfasst sind. Sie weisen eine hochkomplexe Rhythmik auf, die in bemerkenswertem Kontrast zur vermuteten Unbildung des Autors steht. Der ungarisch-österreichische Philologe Ervin Szabó wies in einer Monografie aus dem Jahr 2011 nach, dass der Halbmensch gezielt rhetorische Figuren wie Chiasmen und Anaphern verwendete, die er vermutlich durch das regelmäßige Hören von kirchlichen Liturgien adaptiert und säkularisiert hatte.
Autorschaft und Transkription
Da der Halbmensch selbst als Analphabet gilt, verdankt die Forschung die Überlieferung der Tiraden dem damaligen Ortspfarrer Ignaz Kohl (1753–1809). Kohl protokollierte die Reden zunächst heimlich auf Wachstafeln und übersetzte später Teile ins Frühneuhochdeutsche, um sie als "Beispiele bäuerlicher Verirrung und Blasphemie" an das bischöfliche Ordinariat in Szombathely (Steinamanger) zu senden. In den 1990er Jahren kam eine wissenschaftliche Kontroverse darüber auf, ob Pfarrer Kohl die Tiraden selbst verfasst oder zumindest stark literarisiert haben könnte. Die moderne Autorschaftsforschung geht jedoch aufgrund forensisch-linguistischer Analysen der Lexik von einer authentischen mündlichen Vorlage aus. Die historische Identität des Halbmenschen wird in jüngeren prosopografischen Lokalstudien mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem 1795 an Auszehrung verstorbenen Knecht namens Alois Krautgartner gleichgesetzt.
Rezeption und wissenschaftliche Einordnung
Im 19. Jahrhundert wurden die Texte von frühen Vertretern der Romantik als Ausdruck einer unverfälschten, wenngleich wilden "Volksseele" verklärt. Während des Austrofaschismus und in der unmittelbaren Nachkriegszeit waren sie aufgrund ihrer antiklerikalen Passagen lange vergessen oder wurden von konservativen Heimatforschern bewusst ignoriert. Erst mit der aufkommenden Alltags- und Sozialgeschichtsschreibung in den 1970er Jahren erlebten die Tiraden eine akademische Renaissance. Sie werden heute in Universitäten oft parallel zu den Texten von Thomas Müntzer oder in der Tradition der europäischen Narrenliteratur gelehrt. Heute erinnern in Neusiedl bei Güssing eine Gedenktafel am Pfarrhaus sowie ein zweijährlich stattfindendes dialektologisches Symposium an das literarische Erbe des Halbmenschen.
References
- Müller, H. (2004). Die Subalternen des Südburgenlands: Volkskultur und Rebellion. Eisenstadt: Landesverlag.
- Szabó, E. (2011). Linguistische Analyse der Güssinger Tiraden im Kontext des hianzischen Dialekts. Wien: Böhlau Verlag.
- Gruber, K. (1998). Mythos Halbmensch: Konstruktion und Realität in den Batthyány-Protokollen. Zeitschrift für historische Volkskunde, 42(3), 112-134.