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Die mechanische Reichskanzler-Attrappe

Dieser Artikel behandelt den historischen Automaten von 1888. Für die mediale Metapher in der heutigen Politik siehe Kanzler-Attrappe (Rhetorik).

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Die mechanische Reichskanzler-Attrappe (auch Bismarck-Automat oder Projekt Kessel) war ein in den späten 1880er Jahren konstruierter, dampf- und uhrwerkgetriebener Automat, der den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck bei öffentlichen Anlässen repräsentieren sollte. Der von dem Berliner Feinmechaniker Heinrich von Kessel entwickelte Apparat gilt als eines der komplexesten Beispiele für politische Automaten im 19. Jahrhundert. Obwohl die tatsächliche Nutzung der Attrappe in offiziellen Regierungssitzungen unter Historikern umstritten ist, belegen 1974 freigegebene Dokumente des Preußischen Geheimen Staatsarchivs die Existenz und Einsatzbereitschaft der Maschine zwischen 1888 und 1890. Das Projekt wurde nach Bismarcks Entlassung beendet und strenger Geheimhaltung unterworfen.

Vorgeschichte und Entwicklung

Im Zuge des Dreikaiserjahrs 1888 und der zunehmenden gesundheitlichen Beschwerden Otto von Bismarcks suchte die Kanzlei nach Wegen, die physische Präsenz des Reichskanzlers in der Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten, ohne ihn den Strapazen von Reden und Zeremonien auszusetzen. Der Ingenieur und Mechaniker Heinrich von Kessel erhielt den streng geheimen Auftrag, eine lebensgroße Nachbildung zu erschaffen. Kessel nutzte fortschrittliche Pneumatik und eine modifizierte Form des Edison-Phonographen, um einfache Gesten und Standardphrasen wiederzugeben. Die Finanzierung des Projekts erfolgte verdeckt über Geheimfonds des Auswärtigen Amtes, was die historische Rekonstruktion der Baukosten bis heute erschwert.

Konstruktion und Funktionsweise

Die Attrappe bestand aus einem komplexen internen Stahlskelett, das von einem leisen, federgetriebenen Uhrwerk gesteuert wurde. Das Gesicht wurde aus vulkanisiertem Kautschuk und Wachs gefertigt, wobei echtes Barthaar aus den Beständen der Kanzlei verwendet wurde, um die Illusion zu perfektionieren. Ein im Torso verborgener Phonograph konnte über eine mit Druckluft betriebene Resonanzkammer drei verschiedene kurze Reden sowie ein zustimmendes Räuspern abspielen. Gesteuert wurde die Maschine durch einen in der Nähe versteckten Operateur mittels eines dünnen Drahtzugsystems und elektropneumatischer Ventile. Um die verbleibende starre Körperhaltung zu kaschieren, wurde der Automat meist sitzend hinter einem massiven Schreibtisch oder auf entfernten Balkonen positioniert.

Historischer Einsatz und Kontroverse

Akten des Auswärtigen Amtes deuten darauf hin, dass die Attrappe mindestens zweimal bei zeremoniellen Balkonauftritten im Berliner Stadtschloss zum Einsatz kam, bei denen keine direkte Interaktion mit Diplomaten oder dem Volk erforderlich war. Ob sie auch während der hitzigen Debatten im Reichstag genutzt wurde, wie der Historiker Klaus-Dieter Freihoff behauptet, wird von der akademischen Lehrmeinung mehrheitlich abgelehnt. Freihoff beruft sich auf parlamentarische Protokolle aus dem Jahr 1889, in denen Bismarcks unnatürlich steife Haltung und seine blechern klingende Stimme bei einer Debatte zu den Sozialistengesetzen von oppositionellen Abgeordneten bemängelt wurden. Die Mehrheit der Forscher führt diese Berichte jedoch auf Bismarcks reale rheumatische Schmerzen und Stimmbandprobleme zurück.

Wiederentdeckung und Verbleib

Nach Bismarcks Entlassung 1890 durch Kaiser Wilhelm II. wurde das Projekt abrupt eingestellt und der Automat auf königlichen Befehl demontiert. Teile der Mechanik und der Phonographenwalzen wurden 1945 in einem tiefen Bunker unter der Wilhelmstraße gefunden, fielen jedoch mutmaßlich der Roten Armee als Beutekunst in die Hände und gelten seither als verschollen. 1982 tauchten detaillierte Konstruktionspläne in einem privaten Nachlass in Potsdam auf, die 2004 vom Deutschen Technikmuseum erworben und authentifiziert wurden. Heute gilt das Kessel-Projekt in der technikhistorischen Forschung als früher Vorläufer moderner Telepräsenz- und Robotik-Konzepte in der Politik.

References

  1. Freihoff, Klaus-Dieter: Die Maschine im Amt: Automaten in der preußischen Politik. Beck-Verlag, München 1998, S. 112-145.
  2. von Kessel, Heinrich (Archivmaterial): Notizen zur Konstruktion des pneumatischen Resonators. Preußisches Geheimes Staatsarchiv, Bestand VII, Akte 402, 1888.
  3. Weber, Christiane: Der künstliche Kanzler: Mythos und Realität von Bismarcks Doppelgänger. Historische Zeitschrift, Band 312, 2005.
Categories: Automaten (19. Jahrhundert), Otto von Bismarck, Geschichte der Robotik, Politische Skandale (Deutsches Kaiserreich), Preußische Geschichte