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Der Schachtürke

Dieser Artikel behandelt den historischen Schachautomaten. Für die von Amazon betriebene Crowdsourcing-Plattform siehe [[Amazon Mechanical Turk]].

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Der Schachtürke, in der zeitgenössischen Literatur häufig auch als mechanischer Türke bezeichnet, war ein historischer Schachautomat, der im Jahr 1769 von dem österreichisch-ungarischen Hofbeamten und Mechaniker Wolfgang von Kempelen konstruiert wurde. Die Maschine bestand aus einer lebensgrossen Figur in orientalischer Kleidung, die vor einem grossen Holzschrank sass, auf dem ein Schachbrett montiert war. Obwohl der Apparat bei Vorführungen als autonom agierende Maschine präsentiert wurde und über fast acht Jahrzehnte hinweg die europäische und amerikanische Öffentlichkeit faszinierte, handelte es sich de facto um eine aufwendige technische Illusion. Im Inneren des Gehäuses befand sich ein ausgeklügelter Mechanismus, der es einem versteckten menschlichen Schachspieler ermöglichte, die Züge der Figur mittels Magneten und Hebeln zu steuern. Der Schachtürke gilt als eines der prominentesten Beispiele für historische Scheinautomaten und markiert einen bedeutenden Meilenstein in der Geschichte der Illusionstechnik, der Technikgeschichte und der historischen Wahrnehmung künstlicher Intelligenz.

Konstruktion und Funktionsweise

Der Mechanismus wurde 1769 von Wolfgang von Kempelen in Wien entworfen und erbaut. Das Gehäuse bestand aus Ahornholz und mass etwa 120 Zentimeter in der Länge, 60 Zentimeter in der Tiefe und 90 Zentimeter in der Höhe. Auf der Oberseite befand sich ein fest montiertes Schachbrett. Die Figur selbst stellte einen lebensgrossen osmanischen Gelehrten dar, bekleidet mit einem traditionellen Kaftan, einem Pelzmantel und einem Turban. Vor jeder Vorführung öffnete Kempelen die Türen des Schranks, um dem Publikum ein dichtes Geflecht aus Zahnrädern, Walzen, Federn und Zylindern zu präsentieren. Diese Bauteile dienten jedoch primär der optischen Täuschung und nahmen nur etwa ein Drittel des Innenraums ein. Der eigentliche Hohlraum bot ausreichend Platz für einen menschlichen Schachspieler, der auf einem rollbaren Sitz Platz nahm. Durch ein System aus Spiegeln, Kerzenlicht und starken Magneten unterhalb der Schachbrettfelder konnte der Operator die Züge des Gegners auf der Unterseite des Brettes exakt verfolgen. Die Steuerung der mechanischen Hand der Figur erfolgte über einen pantographenähnlichen Hebelmechanismus, der die Bewegungen des Operators direkt auf den Arm des Automaten übertrug.

Geschichte und Vorführungen

Die erste dokumentierte Vorführung fand im Jahr 1770 am Hof der österreichischen Kaiserin Maria Theresia im Schloss Schönbrunn statt. Dort besiegte der Automat unter anderem den Grafen Ludwig von Cobenzl in einer viel beachteten Partie. In den darauffolgenden Jahrzehnten reiste Kempelen mit der Maschine durch weite Teile Europas und trat in Metropolen wie Paris, London und Leipzig auf. In Paris spielte der Schachtürke 1783 unter anderem gegen den amerikanischen Botschafter Benjamin Franklin. Nach Kempelens Tod im Jahr 1804 wurde die Maschine nach einigen Besitzerwechseln von dem bayerischen Mechaniker und Erfinder Johann Nepomuk Mälzel erworben. Mälzel verbesserte den Mechanismus in einigen Details und integrierte eine rudimentäre mechanische Sprachbox, die während eines Schachmatts das Wort 'Échec' aussprechen konnte. Um neue Märkte zu erschliessen, verschiffte Mälzel den Automaten im Jahr 1826 in die Vereinigten Staaten, wo die Maschine insbesondere an der Ostküste grosse kommerzielle Erfolge feierte und das Interesse zahlreicher Wissenschaftler weckte.

Prominente Gegner und verborgene Operatoren

Im Laufe seiner Existenz trat der Schachtürke gegen eine Vielzahl prominenter historischer Persönlichkeiten an. Zu den berühmtesten Begegnungen zählt die Partie gegen Napoleon Bonaparte im Jahr 1809 im Schloss Schönbrunn. Die Partie ist historisch gut dokumentiert; Berichten zufolge versuchte der französische Kaiser mehrfach, illegale Züge auszuführen, woraufhin der Automat die fehlerhafte Figur korrigierte oder schliesslich verärgert das gesamte Brett abräumte. Die konstant hohe Spielstärke des Automaten war den wechselnden, hochqualifizierten menschlichen Schachmeistern geschuldet, die unter strengster Geheimhaltung im Inneren arbeiteten. Zu den bekanntesten Operatoren zählten der österreichische Meister Johann Baptist Allgaier, der vermutlich während der Partie gegen Napoleon die Maschine bediente, sowie die Schachmeister William Lewis, Jacques Mouret und der Elsässer William Schlumberger, der Mälzel auf seinen Tourneen in Nordamerika begleitete.

Zerstörung und wissenschaftliche Rezeption

Nach dem Tod von Johann Nepomuk Mälzel im Jahr 1838 während einer Schiffsreise wechselte der Automat erneut mehrfach den Besitzer. Letztlich erwarb ihn der amerikanische Arzt und Schriftsteller John Kearsley Mitchell in Philadelphia. Nach der endgültigen Entschlüsselung des Geheimnisses spendete Mitchells Gruppe das Gerät dem Peale Museum in Baltimore. Dort endete die Geschichte der Maschine abrupt, als der originale Schachtürke am 5. Juli 1854 bei einem verheerenden Brand im National Theater, der auf das Museum übergriff, vollständig zerstört wurde. Wissenschaftlich und kulturhistorisch wurde die Funktionsweise des Automaten bereits im frühen 19. Jahrhundert intensiv und kontrovers diskutiert. Der Schriftsteller Edgar Allan Poe verfasste 1836 nach dem Besuch einer Vorführung in Richmond den analytischen Essay 'Maelzel's Chess Player'. Darin dekonstruierte Poe die angebliche mechanische Natur des Geräts logisch und schlussfolgerte absolut zutreffend, dass ein menschlicher Verstand die Maschine zwingend steuern müsse, da ein rein mechanischer Apparat nicht auf die unvorhersehbaren Spielzüge eines menschlichen Gegners reagieren könne. In der modernen Informatik und Netzökonomie dient der Schachtürke heute als Namenspate und Metapher für Systeme, die künstliche Intelligenz simulieren, indem sie im Hintergrund auf menschliche Mikrotasks zurückgreifen.

References

  1. The Turk: The Life and Times of the Famous Eighteenth-Century Chess-Playing Machine
  2. The Turk, Chess Automaton
  3. Maelzel's Chess Player
Categories: Schachgeschichte, Automaten, Historische Illusionen, Wissenschaftsgeschichte (18. Jahrhundert), Wolfgang von Kempelen